Epoche III · seit 1995
Museen, Quartiere, Unternehmensarchitektur und Infrastrukturbauten: Stuttgart seit 1995 auf internationaler Bühne.
Automobilarchitektur
UNStudio / Ben van Berkel, Amsterdam
In seiner Grundstruktur einem dreiblättrigen Kleeblatt ähnelnd, entstand in der Mitte der gewölbten Form ein dreieckiges Atrium, um das die Ausstellungsräume spiralförmig angeordnet sind. Ben van Berkel plante komplett am Computer – die ausgefeilte Geometrie war ohne digitale Werkzeuge undenkbar. Man betritt das Museum oben und steigt in die 130-jährige Automobilgeschichte hinab.
Delugan Meissl Associated Architects, Wien
Von vielen Experten für unbaubar gehalten. Die einzige Verbindung des 5.600 m² großen Ausstellungskörpers zum Boden bilden drei V-förmige Stahlbetonkerne – 6.000 Tonnen Stahl, realisiert mit Konstruktionsmethoden aus dem Brückenbau. Was von außen wie ein schwebender Monolith wirkt, ist innen eine präzise Inszenierung von Fahrzeug und Raum.
Weitere Bauten 1995–2025
Hascher Jehle Architektur, Berlin
Ein 26 Meter hoher gläserner Kubus auf einer städtebaulichen „Narbe" der 1960er Jahre. Bei Nacht leuchtet der Kubus von innen – ein Stadtmöbel am Schlossplatz.
Eun Young Yi, Seoul / Stuttgart
40 Meter ragt der mit Glasbausteinen verkleidete Würfel in die Höhe. Tagsüber grau und schlicht, nachts leuchtend blau. Im Inneren: ein 14 Meter hoher weißer Raum – das von Yi so genannte „Herz".
Behnisch Architekten, Stuttgart
Gemischt genutztes Stadtquartier im Kern der Innenstadt mit der Dachlandschaft als zentralem Entwurfsthema – begründet durch die Kessellage, von der man Dächer von den Hängen herab erblickt.
LRO – Lederer Ragnarsdóttir Oei, Stuttgart
Das evangelische Bildungs- und Tagungszentrum gilt als einer der besten Stuttgarter Bauten der letzten Jahrzehnte. Mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Deutschen Architekturpreis.
Wulf Architekten, Stuttgart
Das neue zentrale Lernzentrum der Universität Stuttgart auf dem Campus Vaihingen verbindet Bibliothek, Lernräume und öffentliche Bereiche unter einem Dach. Prägend für den Campus.
Baumschlager Eberle, David Chipperfield, Wulf Architekten u. a.
Exklusives Wohnquartier am Killesberg mit internationalen Architekturnamen. Ein Quartier als Visitenkarte der Stuttgarter Gegenwartsarchitektur.
Ausführliche Betrachtungen
Das Kunstmuseum Stuttgart ist einer der klarsten und zugleich intelligentesten Solitärbauten der jüngeren Stadtgeschichte. Unmittelbar an Königstraße und Schlossplatz gelegen, steht der Bau genau dort, wo städtischer Alltag, Kommerz, Tourismus und Kultur am stärksten aufeinandertreffen. Entworfen wurde das Museum von Rainer Hascher und Sebastian Jehle. Nach außen wirkt es als transparenter Glaskubus, im Inneren überrascht es mit einer räumlichen Organisation, die sich weit unter die Oberfläche ausdehnt. Ein Teil der Ausstellungsflächen liegt in einem stillgelegten Verkehrstunnelsystem. Schon diese Kombination macht deutlich, dass das Kunstmuseum nicht bloß eine formale Geste ist, sondern ein präzise entwickelter urbaner Eingriff.
Gerade an diesem Gebäude zeigt sich, dass Zurückhaltung architektonisch nicht mit Beliebigkeit verwechselt werden darf. Das Kunstmuseum versucht nicht, den Schlossplatz mit historisierender Anpassung zu besänftigen. Es setzt ihm stattdessen einen ruhigen, eleganten Baukörper entgegen, der eindeutig aus seiner Zeit stammt. Der gläserne Würfel umschließt einen steinernen Kern und schafft so eine doppelte Lesbarkeit: außen Transparenz, innen Gewicht; außen Offenheit, innen Sammlung; außen Stadt, innen Konzentration. Das ist ein kluges Konzept für einen Museumsbau an dieser Stelle.
Wer Stuttgart besucht, sieht den Kubus fast zwangsläufig. Umso wichtiger ist es, ihn nicht nur als Fotomotiv oder Nachtansicht zu behandeln, sondern als architektonische Antwort auf einen schwierigen städtischen Ort. Das Gebäude beweist, dass Klarheit und Präsenz auch ohne visuelle Übertreibung funktionieren können.
Zur Einzelseite →Das Porsche Museum sollte deutlich technischer und räumlicher beschrieben werden als es häufig geschieht. Der Bau, entworfen von Delugan Meissl Associated Architects, präsentiert sich als dynamisch geformter, scheinbar über dem Boden schwebender monolithischer Körper. Die Ausstellungsfläche umfasst rund 5.600 Quadratmeter; getragen wird der Bau im Wesentlichen von drei Stahlbetonkernen. Zeitweise hielten Experten das Projekt für kaum realisierbar, umgesetzt wurde es schließlich mithilfe fortgeschrittener Konstruktionsmethoden aus dem Brückenbau. Mehr als 170 Büros hatten sich am Wettbewerb beteiligt.
Das Porsche Museum ist nicht einfach ein Firmenmuseum mit mutiger Form. Es ist ein Beispiel dafür, wie Markenarchitektur technisch aufgeladen werden kann, ohne zur reinen Skulptur zu verkommen. Die scheinbare Schwerelosigkeit des Baukörpers ist kein dekorativer Trick, sondern Ergebnis eines konstruktiven Kraftakts. Damit passt das Gebäude erstaunlich gut zur Marke, ohne in banale Symbolik abzugleiten. Geschwindigkeit, Präzision und ingenieurhafte Zuspitzung werden hier nicht bloß behauptet, sondern baulich übersetzt.
Das Museum ist deshalb wichtig, weil es die Linie zwischen Ingenieurbau, Markenbild und Gegenwartsarchitektur besonders klar sichtbar macht. Es ist ein Bau, an dem man gut zeigen kann, wie eng in Stuttgart Design, Technik und Identität miteinander verschränkt sind.
Die Stadtbibliothek Stuttgart sollte nicht nur als beliebtes Fotomotiv erscheinen, sondern als ein präzise komponierter Bau mit fast klösterlicher Konsequenz. Der 2011 eröffnete Neubau erhebt sich am Mailänder Platz rund 40 Meter hoch. Außen erscheint er als monolithischer Würfel aus grauem Beton und mattem Glas, nachts wird er zur blauen Lichtskulptur. Innen dagegen öffnet sich eine vollständig weiße Raumwelt aus Galerien, Freitreppen und Lesebereichen. Dieser harte Kontrast zwischen äußerer Geschlossenheit und innerer Helligkeit ist das architektonische Grundmotiv des Hauses.
Besonders stark ist das sogenannte Herz der Bibliothek. Wer das Gebäude betritt, trifft zunächst auf einen hohen, leeren Raum, der die Hektik der Außenwelt bewusst abschneidet. Von dort entfaltet sich der Lesesaal über mehrere Ebenen. Rund 500.000 Medien stehen in den Regalen; Tageslicht fällt über das Glasdach ins Atrium. Dass die Architektur fast vollständig in Weiß gehalten ist, sorgt dafür, dass die Bücher selbst zu Farbpunkten im Raum werden. Diese Entscheidung ist nicht nur visuell wirksam, sondern verleiht dem Haus eine seltene innere Ruhe.
Die Stadtbibliothek ist eben nicht nur eine funktionierende Zentralbibliothek, sondern ein Gebäude, das Wissen räumlich inszeniert. Sie zeigt, wie öffentliche Architektur heute zugleich Treffpunkt, Lernort, Aufenthaltsraum und ikonischer Stadtbaustein sein kann. Gerade weil das Haus so streng erscheint, ist es als Architekturtext ergiebig: Seine Wirkung entsteht nicht aus Geste, sondern aus Disziplin.