Gegenwartsarchitektur · 2005
Der gläserne Kubus am Schlossplatz — ein präziser urbaner Eingriff, der Zurückhaltung mit Präsenz verbindet.
Einordnung
Das Kunstmuseum Stuttgart ist einer der klarsten und zugleich intelligentesten Solitärbauten der jüngeren Stuttgarter Stadtgeschichte. Unmittelbar an Königstraße und Schlossplatz gelegen, steht der Bau genau dort, wo städtischer Alltag, Kommerz, Tourismus und Kultur am stärksten aufeinandertreffen. Entworfen wurde das Museum von Rainer Hascher und Sebastian Jehle. Nach außen wirkt es als transparenter Glaskubus, im Inneren überrascht es mit einer räumlichen Organisation, die sich weit unter die Oberfläche ausdehnt. Ein Teil der Ausstellungsflächen liegt in einem stillgelegten Verkehrstunnelsystem. Schon diese Kombination macht deutlich, dass das Kunstmuseum nicht bloß eine formale Geste ist, sondern ein präzise entwickelter urbaner Eingriff.
Gerade an diesem Gebäude zeigt sich, dass Zurückhaltung architektonisch nicht mit Beliebigkeit verwechselt werden darf. Das Kunstmuseum versucht nicht, den Schlossplatz mit historisierender Anpassung zu besänftigen. Es setzt ihm stattdessen einen ruhigen, eleganten Baukörper entgegen, der eindeutig aus seiner Zeit stammt. Der gläserne Würfel umschließt einen steinernen Kern und schafft so eine doppelte Lesbarkeit: außen Transparenz, innen Gewicht; außen Offenheit, innen Sammlung; außen Stadt, innen Konzentration.
Wer Stuttgart besucht, sieht den Kubus fast zwangsläufig. Das Gebäude beweist, dass Klarheit und Präsenz auch ohne visuelle Übertreibung funktionieren können — und dass ein Museumsbau an zentraler Lage kein lautes Statement braucht, um zu wirken.