Epoche I · 1922–1970
Stuttgart war in den 1920er Jahren neben Berlin und Frankfurt der wichtigste Schauplatz der deutschen Architekturmoderne. Die Weissenhofsiedlung 1927 machte die Stadt weltbekannt.
Kontext
Stuttgart war in den 1920er Jahren neben Berlin und Frankfurt der wichtigste Schauplatz der deutschen Architekturmoderne. Die Weissenhofsiedlung 1927 machte die Stadt weltbekannt – als Ort, an dem die europäische Avantgarde zeigte, wie das Wohnen des 20. Jahrhunderts aussehen sollte.
Die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs machten Stuttgart zum Laboratorium des Wiederaufbaus. Rolf Gutbrod, Fritz Leonhardt und Hans Scharoun schufen Bauten, die bis heute zu den bedeutendsten deutschen Kulturdenkmälern der Nachkriegszeit gehören.
Die Debatte zwischen der konservativen „Stuttgarter Schule" um Paul Bonatz und Paul Schmitthenner und den Verfechtern des Neuen Bauens prägte die Architekturdiskussion der Weimarer Republik. Beide Positionen haben in der Stadt ihre Spuren hinterlassen: der sachliche Bonatz-Bahnhof ebenso wie die radikalen Flachdachhäuser der Weissenhofsiedlung unmittelbar nebenan.
10 dokumentierte Bauten
Mies van der Rohe (Gesamtleitung) · Le Corbusier, Walter Gropius, Hans Scharoun, J.J.P. Oud u. a.
Das wichtigste Ensemble der Architekturmoderne auf deutschem Boden. Im Rahmen der Werkbundausstellung „Die Wohnung" errichteten 17 europäische Architekten unter Leitung von Mies van der Rohe 21 Häuser mit 60 Wohnungen. Flache Dächer, große Fensterfronten, offene Grundrisse: ein gebautes Manifest gegen das Bauen des 19. Jahrhunderts. Le Corbusiers zwei Häuser gehören seit 2016 zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Ernst Otto Oßwald, Stuttgart
Das erste Stahlbetonhochhaus Deutschlands – und weltweit das erste Hochhaus in Sichtbeton. Der 18-stöckige Turm entstand als Verlagsgebäude der „Stuttgarter Tagblatt" und gilt als eines der wichtigsten Zeugnisse des Neuen Bauens in Stuttgart.
Paul Bonatz und Friedrich Eugen Scholer, Stuttgart
Ineinander verschachtelte Stahlbetonkuben, grobe Muschelkalkfassade, eine Turmmasse von beinahe skulpturaler Wirkung. Paul Bonatz schuf ein Gebäude, das Tradition und Aufbruch verkörpert. Seit Stuttgart 21 steht der Bonatzbau mitten in der größten Umbaumaßnahme der Stuttgarter Stadtgeschichte.
Martin Elsaesser, Stuttgart
Eine der schönsten Jugendstil-Markthallen Deutschlands. Die eiserne Tragkonstruktion überspannt einen großen Hallenraum mit Tageslicht von oben. Heute unter Denkmalschutz und täglich als Lebensmittelmarkt genutzt.
Fritz Leonhardt, Erwin Heinle und Rolf Gutbrod, Stuttgart
Der erste Fernsehturm der Welt in Stahlbeton. 216 Meter hoch, mit einem eleganten Schaftquerschnitt, der Schwingungen minimiert und die Konstruktion bis heute als Ingenieursikone auszeichnet. Wahrzeichen Stuttgarts.
Rolf Gutbrod und Adolf Abel, Stuttgart
Ein Meisterwerk des organischen Bauens der Nachkriegszeit. Die Liederhalle verbindet drei Säle unterschiedlicher Größe unter einem Dach und zeigt, wie freie Formen und akustische Anforderungen zur Einheit werden können.
Hans Scharoun, Berlin
Zwei Wohnhochhäuser, die Scharoun als städtebauliche Geste im Stuttgarter Norden plante. Ihre skulpturale Außenwirkung und die organische Grundrissorganisation machen sie zu einem der bedeutendsten Wohnbauten der deutschen Nachkriegszeit.
Frei Otto, Stuttgart
Das Institut für Leichte Flächentragwerke (IL) wurde von Frei Otto selbst gebaut, um seine Forschung an Seiltragwerken und Membranstrukturen weiterzuführen. Ein Prototyp leichter Architektur, der die Grundlage für das Münchner Olympiastadion legte.
Ausführliche Betrachtungen
Der Stuttgarter Hauptbahnhof ist weit mehr als ein Verkehrsbau. Er ist eines jener Gebäude, an denen sich ablesen lässt, wie sehr Architektur in das Selbstverständnis einer Stadt eingreift. Das Bahnhofsgebäude, entworfen von Paul Bonatz und Friedrich Eugen Scholer, gehört zu den prägenden Bauwerken Stuttgarts und wurde zwischen den 1910er und 1920er Jahren zu einem neuen städtischen Mittelpunkt ausgebaut. Schon seine Entstehung zeigt, dass hier nicht bloß ein funktionaler Bahnhof errichtet werden sollte, sondern ein Bauwerk mit Anspruch auf Dauer, Präsenz und städtebauliche Wirkung. Der Hauptbahnhof rückte den Verkehr ins Zentrum der Stadt und wurde zugleich selbst zu einem ihrer stärksten architektonischen Zeichen.
Bemerkenswert ist dabei, dass der Bahnhof in Stuttgart nicht einfach als technische Infrastruktur verstanden wurde. Der Bonatzbau gab dem Ort ein monumentales, aber nicht dekorativ überladenes Gesicht. Er steht für eine Auffassung von Architektur, die Würde aus Proportion, Material und Setzung entwickelt, nicht aus ornamentaler Lautstärke. Gerade deshalb blieb das Gebäude über Jahrzehnte im Stadtbild lesbar. Es war Bahnhof, Tor, Orientierungspunkt und Symbolbau zugleich. Wer über Stuttgarter Architektur schreibt und diesen Bau nur als Nebenschauplatz des Bahnprojekts behandelt, unterschätzt seine historische Reichweite erheblich.
Heute ist der Bonatzbau erneut Gegenstand eines grundlegenden Umbaus. Im Rahmen des Bahnprojekts Stuttgart–Ulm wird das historische Empfangsgebäude umfassend modernisiert. Der Entwurf verfolgt das Ziel, die markanten Teile des mehr als 100 Jahre alten Gebäudes in einer Haus-in-Haus-Konstruktion zu erhalten und mit einem neuen Tragwerk zu sichern. Vorgesehen sind neue, lichtdurchflutete Ebenen für den Reisendenbedarf, ein Hotel in den oberen Geschossen sowie eine neue Haupterschließung, die den Zugang zur künftigen Bahnsteighalle barrierefrei organisiert. Das äußere Erscheinungsbild soll dabei als stadtbildprägender Kern erhalten bleiben.
Genau an dieser Stelle wird der Bonatzbau zu einem besonders interessanten Thema: Er ist nicht nur Denkmal, sondern ein konkreter Fall dafür, wie Bestand, Infrastruktur und zeitgenössische Umbaupolitik aufeinanderprallen. Seine Bedeutung liegt nicht allein in der Form, sondern auch in seiner Fähigkeit, über ein Jahrhundert hinweg verschiedene politische, technische und städtebauliche Vorstellungen aufzunehmen. Der Stuttgarter Hauptbahnhof ist damit kein abgeschlossenes Monument, sondern ein Bauwerk im langen Umbau der Moderne.
Zur Einzelseite →Der Tagblatt-Turm gehört zu den Bauten, die Stuttgart aus der eher horizontalen, kleinteiligen Stadt des frühen 20. Jahrhunderts sichtbar in die Höhe gezogen haben. Das 1928 im Stil der Neuen Sachlichkeit errichtete Gebäude wurde von Ernst Otto Oßwald entworfen und gilt als das erste Hochhaus der Welt in Sichtbetonbauweise. Mit seinen rund 61 Metern Höhe war es in seiner Zeit nicht nur technisch bemerkenswert, sondern auch kulturell eine Zumutung für jene, die in der Stuttgarter Innenstadt eher Giebel, Maßhaltung und tradierte Stadtbilder erwarteten. Gerade diese Reibung macht den Bau bis heute interessant.
Errichtet wurde der Turm für das Stuttgarter Neue Tagblatt. Schon damit ist er mehr als ein Hochhaus unter anderen. Er verbindet Architekturgeschichte mit Mediengeschichte. Der Bau steht für eine Zeit, in der Presse, Urbanität, Wirtschaft und modernes Bauen eng miteinander verschränkt waren. Dass ein Verlag seinen Anspruch auf Gegenwart und Sichtbarkeit ausgerechnet über einen solchen Turm formulierte, ist kein Zufall. Der Tagblatt-Turm war eine vertikale Selbstaussage: Die Moderne wollte nicht nur anders bauen, sie wollte auch anders auftreten.
Architektonisch liegt seine Bedeutung nicht bloß in der Höhe. Oßwald sprach von einem Zweckbau, also von einem Haus, das wirtschaftlich, gesund und behaglich funktionieren solle. Diese Formel wirkt zunächst nüchtern, verweist aber auf ein zentrales Ideal der Zwischenkriegsmoderne: Form sollte nicht aufgesetzt sein, sondern aus der Nutzung, der Konstruktion und dem urbanen Anspruch hervorgehen. Der Tagblatt-Turm ist deshalb kein verspätetes Ornament einer alten Stadt, sondern ein bewusster Bruch mit ihr. Dass er später zum Wahrzeichen wurde, zeigt, wie häufig Städte genau jene Gebäude am Ende lieben lernen, die sie anfangs ablehnen.
Die Stuttgarter Markthalle ist eines jener Gebäude, deren Rang man leicht unterschätzt, weil sie so selbstverständlich im Alltag präsent sind. Tatsächlich ist sie ein architekturgeschichtlich hoch aufgeladenes Bauwerk. 1906 beschloss der Gemeinderat, an Stelle der alten Halle einen größeren Neubau zu errichten. Aus dem ausgeschriebenen Wettbewerb ging 1910 der junge Architekt Martin Elsaesser als Sieger hervor. Schon damit beginnt eine Geschichte, in der Markt, Stadtbild, Technik und Repräsentation eng zusammengehören.
Elsaessers Entwurf lebt von einem produktiven Gegensatz. Nach außen fügt sich das Gebäude mit Arkaden, Erkern und Türmchen in gemäßigtem Jugendstil in die historische Stadt ein. Im Inneren dagegen zeigt es sich für seine Zeit überraschend modern. Über der rund 60 mal 25 Meter großen Halle spannt sich ein Glasdach; offen liegende Stahlbetonträger prägen den Raum, der von seitlichen, mehrgeschossigen Bereichen begleitet wird. Diese Spannung zwischen städtischer Einfügung und konstruktiver Modernität macht den Reiz des Gebäudes bis heute aus. Die Markthalle ist eben nicht bloß dekorativ, sondern ein Bau, der seine innere Logik sichtbar werden lässt.
1914 wurde die Markthalle eingeweiht und entwickelte sich mit mehr als 400 Verkaufsständen rasch zu einem zentralen Handelsort der Region. Der Zweite Weltkrieg beschädigte den Bau schwer, doch schon kurz nach Kriegsende wurde das Glasdach wiederhergestellt. Besonders aufschlussreich ist die spätere Geschichte: 1971 galt die Halle als wirtschaftlich unrentabel und sollte einem multifunktionalen Zentrum weichen. Nur mit einer Stimme Mehrheit entschied sich der Gemeinderat für den Erhalt; 1972 wurde die Markthalle unter Denkmalschutz gestellt. Das ist nicht bloß eine Anekdote, sondern ein Lehrstück darüber, wie knapp architektonisches Erbe bisweilen dem Abriss entgeht.
Die Liederhalle ist einer der wichtigsten Kulturbauten des Nachkriegsdeutschlands und für Stuttgart weit mehr als ein Veranstaltungsort. Sie steht für den Versuch, nach Krieg und Zerstörung nicht nur funktional neu zu bauen, sondern kulturell neu anzufangen. Verantwortlich für den Bau war Rolf Gutbrod; eröffnet wurde die neue Liederhalle am 2. August 1956. Schon zeitgenössisch galt sie als bedeutender Kulturbau, heute gehört sie fest zum architektonischen Gedächtnis der Stadt.
Ihre Bedeutung liegt auch darin, dass sie an derselben Stelle wiedererrichtet wurde und damit Kontinuität und Neubeginn miteinander verknüpft. Die neue Liederhalle war bereits während der Bauzeit ein öffentlich beachtetes Projekt; nach nur 18 Monaten konnte sie eröffnet werden. Das verweist auf den besonderen Rang, den man dem Bau damals zuwies: Er sollte nicht nur Raum für Musik schaffen, sondern ein Zeichen dafür sein, dass die Stadt sich kulturell wieder aufrichten wollte. Architektur war hier nicht Beiwerk, sondern Teil einer gesellschaftlichen Selbstvergewisserung.
Später wurde der historische Teil der Liederhalle 1987 unter Denkmalschutz gestellt. 1991 ergänzten Wolfgang Henning und Rudolf Schricker den Bau um einen Kongressanbau zum heutigen Kultur- und Kongresszentrum. Zwischen 2019 und 2020 wurde der Kongressbereich umfassend saniert, technisch modernisiert und für zeitgemäße Anforderungen ertüchtigt. Gerade diese Schichtung macht die Liederhalle interessant: Sie zeigt, wie ein Nachkriegsbau nicht museal stillgestellt, sondern weitergenutzt, erweitert und technisch überarbeitet wird, ohne seinen architektonischen Rang ganz zu verlieren.
Der Stuttgarter Fernsehturm sollte stärker als Pionierbau erzählt werden. 1956 ragte der rund 217 Meter hohe Turm als damals umstrittene Betonnadel über die Stadt. Heute gilt er als Wahrzeichen Stuttgarts und als erster Fernsehturm seiner Art weltweit. Ursprünglich war ein Stahlgittermast vorgesehen. Erst Fritz Leonhardt schlug vor, stattdessen einen Aussichtsturm aus Beton mit Café zu errichten, und setzte diese Idee gemeinsam mit Erwin Heinle und Rolf Gutbrod um.
Gerade darin liegt die architektonische Stärke des Fernsehturms. Er ist nicht bloß Sendetechnik mit Aussichtsplattform, sondern ein Beispiel dafür, wie Ingenieurdenken und öffentliche Nutzung miteinander verschmelzen können. Die Idee, ein technisches Bauwerk zugleich als Aufenthaltsort für die Stadt zu konzipieren, war folgenreich. Der Stuttgarter Fernsehturm wurde damit zum Modell für viele spätere Türme weltweit. Für eine Architekturseite ist das ideal: Hier wird deutlich, dass eine gute Konstruktion manchmal eine ganze Bautypologie verändern kann.
Vertiefung