Postmoderne Ikone · 1984

Neue Staats-
galerie.

James Stirlings Museumsbau von 1984 ist einer der einflussreichsten postmodernen Bauten Europas. Er zeigt, wie Farbe, Zitat und öffentliche Durchwegung eine neue Museumstypologie prägen konnten.

1984·James Stirling & Michael Wilford·Kulturmeile Stuttgart

Warum dieser Bau zählt

Der Schlüsselbau der Stuttgarter Postmoderne.

Mit der Neuen Staatsgalerie gelang James Stirling ein Gebäude, das gleichzeitig monumental, verspielt und städtisch offen ist. Rampen, Rotunde, klassische Anspielungen und grelle Farbakzente wirken hier nicht dekorativ, sondern als bewusste Gegenrede zur strengen Orthodoxie der Nachkriegsmoderne.

Fertigstellung1984, nach dem Wettbewerbsentscheid Ende der 1970er Jahre.
ArchitektJames Stirling mit Michael Wilford – ein Team, das den Architekturdiskurs der 1980er Jahre wesentlich mitprägte.
FarbenTiefpink, Moosgrün, Himmelblau gegen Muschelkalkstein – programmatische Farbe als Haltung gegen den Purismus.
TypologieMuseum und Stadtraum zugleich: Der Bau öffnet sich mit öffentlichen Wegen und Terrassen in die Stadt hinein.
BedeutungParadebeispiel der Postmoderne in Deutschland und bis heute Referenz für die Diskussion über Museumsarchitektur.

Lesart

Was an der Staatsgalerie so besonders ist.

Stirling inszenierte die Staatsgalerie als gebaute Collage. Der Bau zitiert historische Formen, verweigert aber deren Ernst. Gerade diese Spannung zwischen klassischem Motiv und zeitgenössischer Ironie machte die Staatsgalerie zum Symbol einer Epoche, die nicht mehr an reine Fortschrittserzählungen glaubte.

Ebenso wichtig ist die öffentliche Zugänglichkeit. Die Wege durch und über den Bau machen aus dem Museum einen Teil der Stadt. Damit wurde ein Gedanke vorweggenommen, der heute selbstverständlich erscheint: dass bedeutende Kulturgebäude nicht nur Kunst enthalten, sondern selbst urbaner Raum sein müssen.

Gebauter Dialog

Alte und Neue Staatsgalerie — zwei Architekturen im Gespräch.

Die bestehende Beschreibung der Staatsgalerie sollte nicht bei der knappen Formel enden, die Neue Staatsgalerie sei ein Paradebeispiel der Postmoderne. Das ist zwar richtig, aber zu wenig. Inhaltlich stärker wird die Betrachtung, wenn sie den architektonischen Dialog zwischen Alt und Neu entfaltet. Die Alte Staatsgalerie wurde zwischen 1838 und 1843 errichtet und gehört zu den ältesten Museumsbauten Deutschlands. Ihr gegenüber beziehungsweise an sie anschließend steht die 1984 eröffnete Neue Staatsgalerie von James Stirling, die weltweit als Ikone postmoderner Architektur gilt. Der entscheidende Punkt ist nicht nur die zeitliche Distanz, sondern die sichtbare Spannung zwischen den beiden Architekturen.

Gerade dieser Kontrast macht das Ensemble so ergiebig. Auf der einen Seite die strengere, ältere Museumsarchitektur, auf der anderen die Neue Staatsgalerie mit Stahl, Glas, geschwungener Fassade und kräftigen Farben. Die Architektur selbst stellt hier eine Debatte aus: Wie weit darf ein Neubau auf Geschichte reagieren, ohne sich ihr zu unterwerfen? Wie lässt sich ein Museum als öffentliches Zeichen formulieren, ohne in bloße Selbstbespiegelung zu kippen? In Stuttgart ist diese Frage nicht abstrakt, sondern gebaut.

Die Neue Staatsgalerie markiert jenen Moment, in dem die Moderne nicht einfach fortgesetzt, sondern bewusst kommentiert, gebrochen und neu zusammengesetzt wurde. Wer Postmoderne erklären will, findet in Stuttgart keinen besseren Ausgangspunkt. Stirling inszenierte die Staatsgalerie als gebaute Collage: Er zitiert historische Formen, verweigert aber deren Ernst. Gerade diese Spannung zwischen klassischem Motiv und zeitgenössischer Ironie machte die Staatsgalerie zum Symbol einer Epoche, die nicht mehr an reine Fortschrittserzählungen glaubte.

Ebenso wichtig ist die öffentliche Zugänglichkeit. Die Wege durch und über den Bau machen aus dem Museum einen Teil der Stadt. Damit wurde ein Gedanke vorweggenommen, der heute selbstverständlich erscheint: dass bedeutende Kulturgebäude nicht nur Kunst enthalten, sondern selbst urbaner Raum sein müssen.

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