Klassische Moderne · 1922
Der Bonatzbau — steinerne Schwelle zur Moderne und Schauplatz des größten Umbaus der Stuttgarter Stadtgeschichte.
Einordnung
Der Stuttgarter Hauptbahnhof ist weit mehr als ein Verkehrsbau. Er ist eines jener Gebäude, an denen sich ablesen lässt, wie sehr Architektur in das Selbstverständnis einer Stadt eingreift. Das Bahnhofsgebäude, entworfen von Paul Bonatz und Friedrich Eugen Scholer, gehört zu den prägenden Bauwerken Stuttgarts und wurde zwischen den 1910er und 1920er Jahren zu einem neuen städtischen Mittelpunkt ausgebaut. Schon seine Entstehung zeigt, dass hier nicht bloß ein funktionaler Bahnhof errichtet werden sollte, sondern ein Bauwerk mit Anspruch auf Dauer, Präsenz und städtebauliche Wirkung. Der Hauptbahnhof rückte den Verkehr ins Zentrum der Stadt und wurde zugleich selbst zu einem ihrer stärksten architektonischen Zeichen.
Bemerkenswert ist dabei, dass der Bahnhof in Stuttgart nicht einfach als technische Infrastruktur verstanden wurde. Der Bonatzbau gab dem Ort ein monumentales, aber nicht dekorativ überladenes Gesicht. Er steht für eine Auffassung von Architektur, die Würde aus Proportion, Material und Setzung entwickelt, nicht aus ornamentaler Lautstärke. Gerade deshalb blieb das Gebäude über Jahrzehnte im Stadtbild lesbar. Es war Bahnhof, Tor, Orientierungspunkt und Symbolbau zugleich. Wer über Stuttgarter Architektur schreibt und diesen Bau nur als Nebenschauplatz des Bahnprojekts behandelt, unterschätzt seine historische Reichweite erheblich.
Gegenwart
Heute ist der Bonatzbau erneut Gegenstand eines grundlegenden Umbaus. Im Rahmen des Bahnprojekts Stuttgart–Ulm wird das historische Empfangsgebäude umfassend modernisiert. Der Entwurf verfolgt das Ziel, die markanten Teile des mehr als 100 Jahre alten Gebäudes in einer Haus-in-Haus-Konstruktion zu erhalten und mit einem neuen Tragwerk zu sichern. Vorgesehen sind neue, lichtdurchflutete Ebenen für den Reisendenbedarf, ein Hotel in den oberen Geschossen sowie eine neue Haupterschließung, die den Zugang zur künftigen Bahnsteighalle barrierefrei organisiert. Das äußere Erscheinungsbild soll dabei als stadtbildprägender Kern erhalten bleiben.
Genau an dieser Stelle wird der Bonatzbau zu einem besonders interessanten Thema: Er ist nicht nur Denkmal, sondern ein konkreter Fall dafür, wie Bestand, Infrastruktur und zeitgenössische Umbaupolitik aufeinanderprallen. Seine Bedeutung liegt nicht allein in der Form, sondern auch in seiner Fähigkeit, über ein Jahrhundert hinweg verschiedene politische, technische und städtebauliche Vorstellungen aufzunehmen. Der Stuttgarter Hauptbahnhof ist damit kein abgeschlossenes Monument, sondern ein Bauwerk im langen Umbau der Moderne.