Klassische Moderne · 1914
Jugendstil außen, moderne Konstruktion innen — und ein Gemeinderatsbeschluss, der das Gebäude vor dem Abriss rettete.
Einordnung
Die Stuttgarter Markthalle ist eines jener Gebäude, deren Rang man leicht unterschätzt, weil sie so selbstverständlich im Alltag präsent sind. Tatsächlich ist sie ein architekturgeschichtlich hoch aufgeladenes Bauwerk. 1906 beschloss der Gemeinderat, an Stelle der alten Halle einen größeren Neubau zu errichten. Aus dem ausgeschriebenen Wettbewerb ging 1910 der junge Architekt Martin Elsaesser als Sieger hervor. Schon damit beginnt eine Geschichte, in der Markt, Stadtbild, Technik und Repräsentation eng zusammengehören.
Elsaessers Entwurf lebt von einem produktiven Gegensatz. Nach außen fügt sich das Gebäude mit Arkaden, Erkern und Türmchen in gemäßigtem Jugendstil in die historische Stadt ein. Im Inneren dagegen zeigt es sich für seine Zeit überraschend modern. Über der rund 60 mal 25 Meter großen Halle spannt sich ein Glasdach; offen liegende Stahlbetonträger prägen den Raum, der von seitlichen, mehrgeschossigen Bereichen begleitet wird. Diese Spannung zwischen städtischer Einfügung und konstruktiver Modernität macht den Reiz des Gebäudes bis heute aus. Die Markthalle ist eben nicht bloß dekorativ, sondern ein Bau, der seine innere Logik sichtbar werden lässt.
Geschichte
1914 wurde die Markthalle eingeweiht und entwickelte sich mit mehr als 400 Verkaufsständen rasch zu einem zentralen Handelsort der Region. Der Zweite Weltkrieg beschädigte den Bau schwer, doch schon kurz nach Kriegsende wurde das Glasdach wiederhergestellt. Besonders aufschlussreich ist die spätere Geschichte: 1971 galt die Halle als wirtschaftlich unrentabel und sollte einem multifunktionalen Zentrum weichen. Nur mit einer Stimme Mehrheit entschied sich der Gemeinderat für den Erhalt; 1972 wurde die Markthalle unter Denkmalschutz gestellt. Das ist nicht bloß eine Anekdote, sondern ein Lehrstück darüber, wie knapp architektonisches Erbe bisweilen dem Abriss entgeht.